Dein Freund der Papierkorb und das Wunder der Deadline

Allein in Deutschland zählt der Buchmarkt jährlich ca. 90.000 neue Titel. Eine beeindruckende Zahl? Sie ist vermutlich nichts gegen die Anzahl der Bücher, die Jahr für Jahr nicht geschrieben werden. Dabei träumen so viele vom eigenen Buch. Doch die meisten Bücher werden vermutlich nie fertig. Prokrastination hindert uns …

Dein Freund der Papierkorb und das Wunder der Deadline

Am 6. September ist „Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag“

Allein in Deutschland zählt der Buchmarkt jährlich um die 70.000 neue Titel. Eine beeindruckende Zahl? Sie ist vermutlich nichts gegen die Anzahl der Bücher, die Jahr für Jahr nicht geschrieben werden. Dabei träumen so viele vom eigenen Buch. Nicht wenige haben schon eine konkrete Buchidee. Und einige fangen schließlich sogar an, sie umzusetzen. Doch die meisten Bücher werden vermutlich nie fertig. Das Projekt scheint einfach zu groß. Die Leute schieben es einfach vor sich her – oft mehr als ein halbes Leben lang …

So wäre es beinahe auch diesem Artikel für das Buchgeflüster ergangen. Zum Glück gibt es dafür eine Deadline: Am 6. September ist „Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag“. Bis dahin muss er fertig sein.

Willkommen im Club der Kreativen

Geht es Dir auch so? Du hast eine gute Idee und denkst, dass Du sie schnell umsetzten wirst? Das Mailing, den Fachartikel, die Rede, die Präsentation? Das … Buchkapitel? Sollte eigentlich nicht so schwer sein, ist sicher schnell erledigt.

Dann beginnt das Aufschieben. Tage vergehen, Wochen fließen dahin. Und schon hast Du es um einen ganzen Monat aufgeschoben. Nochmal drüber nachdenken. Ist die Idee wirklich so gut? Vielleicht vergisst Du sie zwischendurch ganz …

Willkommen im Club der Kreativen! Denn chronisches Aufschieben gehört im kreativen Prozess dazu. Du kannst Dich natürlich zwingen, Dich an den Schreibtisch zu setzen und die Sachen endlich zu Ende zu bringen. Disziplin, das ist es. Genau! Nur dass Dir die Disziplin am wenigsten helfen wird, wenn Du eine kreative Aufgabe zu lösen hast.

Kreatives Denken folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Eine davon beschreibt das japanische Sprichwort: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“. Leuchtet ein, oder? Man würde das zarte Pflänzchen nur ausreißen. Mit ausreichend Sonne, Regen und einem ergiebigen Nährboden wächst es dagegen ganz von allein. Manchmal scheinbar über Nacht. Hörst Du dann nicht auch manchmal das Gras wachsen?

Heureka! „Ich hab’s gefunden“. Archimedes soll das nach ihm benannte Prinzip der schwimmenden Körper erkannt haben, während er in der Badewanne lag. Sir Isaac Newton hatte der Erzählung nach die zündende Idee zu seinem Gravitationsgesetz, als ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen ist. Damit begann ein neues Zeitalter in der Physik. Einfälle und Kreativitätsschübe kommen meist sehr plötzlich.

Wann Du besser Deine Socken sortierst …

Ob diese Geschichten wahr sind oder nicht, spielt dabei erstmal keine Rolle. Sie veranschaulichen eines: Kreatives Denken lässt sich nicht erzwingen. Das erklärt auch der Sozialpsychologe, Politologe und Mitbegründer der London School of Economics, Graham Wallas, in seinem Buch „The Art of Thought“ von 1926.

Er unterteilt den kreativen Prozess darin in vier Phasen. Das, was den meisten Kreativen zu Schaffen macht, ist Phase 2: Die Inkubation. In dieser Phase übernimmt das Unterbewusstsein und verarbeitet die bereits vorliegenden Informationen zum anstehenden Projekt. Autorinnen und Autoren haben in dieser Phase eine Standardantwort auf die Frage, wie ihr Buch vorankommt: Eigentlich gar nicht.

Aber das stimmt nicht. Nur, dass sie den kreativen Output gerade nicht erzwingen können. So geht es auch Studierenden bei ihren Abschlussarbeiten oder Marketingprofis bei der Planung der neuesten Kampagne. In dieser Phase hilft es nicht weiter, sich diszipliniert an den Schreibtisch zu begeben. Das stört nur das Unterbewusstsein bei der Arbeit. Es ist eher eine gute Zeit, um endlich einmal Deine Socken zu sortieren.

Der beste Freund in dieser Phase ist übrigens der Papierkorb: Egal ob er physisch, virtuell oder nur im Kopf existiert – er quillt jetzt wahrscheinlich gerade von Ideen über, die irgendwie noch nicht passend, schief oder einfach nicht zu Ende gedacht sind. Wunderbar: Es passiert also doch etwas. Prokrastination ist Arbeit. Hör auf Deinen Freund, den Papierkorb!

Heulen, Zähneklappern und ein Geistesblitz

Und dann passiert es irgendwann. Die Arbeit muss abgegeben, die Kampagne präsentiert, der Fachartikel zum Redaktionsschluss geliefert werden. Scheinbar viel zu spät und kurz vor Torschluss kommt die zündende Idee und der Output wächst exponentiell. „Wieso bin ich da nicht gleich drauf gekommen?“, fragen sich unsere Kreativen und reiben sich die Augen. Heulen und Zähneklappern sind die zuverlässigsten Begleiter auf dem Weg zur Deadline. Je wichtiger das Projekt, desto sicherer sind sie garantiert. Lange ist scheinbar nichts passiert, jetzt geht auf einmal alles ganz schnell. Aber so will es das Gesetz: Das Unterbewusstsein ist loyal und liefert rechtzeitig. Oder zumindest: gerade rechtzeitig.

Die zündende Idee kommt in Phase 3 des kreativen Prozesses. Graham Wallas spricht hier von der Illumination. Sehr häufig gibt die Deadline den entscheidenden Auslöser. Wer das verstanden hat, wird sie mit anderen Augen sehen. Ab heute darfst Du die Deadline lieben.

Aber selbst professionelle Prokrastinierer werden es nicht schaffen, zweihundert leere Seiten kurz vor der Deadline eines Buchprojekts zu füllen. Dafür braucht es einen anderen Ansatz. Denn ein Buch entsteht erst durch viele aufeinander aufbauende und parallel ablaufende kreative Prozesse.

Der Trick im Übergang zwischen Inkubation und Illumination liegt darin, den Prozess bewusst zu gestalten. Künstliche Deadlines können dabei zum Beispiel helfen. Vereinbare einen Termin mit einer vertrauenswürdigen Person, zu dem Du ihr Dein erstes Kapitel vorstellen möchtest. Nimm Dir eine Auszeit am Meer oder in einer einsamen Berghütte, zu deren Ende Du fest beabsichtigst, eine bestimmte Anzahl an Seiten fertiggestellt zu haben. Wenn Du es ernst meinst und Dein Unterbewusstsein die Botschaft vernommen hat, wird es am Ende liefern. Erstmal machst Du Dir aber am besten eine schöne Zeit.

Aufatmen. Jetzt übernimmt das Lektorat!

Aus vielen kleinen Deadlines wird so am Ende ein großes Buch. Was für eine kreative Leistung! Aber passt das eigentlich alles wirklich zusammen? Stimmen die Fakten? Ist die Argumentation, die sich über Monate in unterschiedlichen Schaffensphasen aufgebaut hat, wirklich in sich schlüssig? Das sind die typischen Fragen in Phase vier des kreativen Prozesses. Jetzt braucht es viel Sorgfalt, Ruhe und einen klaren Kopf.

Professionelle Verlage unterstützen ihre Autorinnen und Autoren an dieser Stelle durch ein Lektorat. Die machen das, Du kannst jetzt aufatmen. Immer wieder ist zu hören, dass Schreibende sich davor fürchten oder vom Lektorat gegängelt fühlen. Das ist Unsinn. Gute Lektorinnen und Lektoren sind Ersthelfer, Sparringspartner, Autor(inn)enversteher, Impulsgeber, Motivationstrainer und manchmal vielleicht auch etwas nervig. Aber das steht so in der Stellenbeschreibung. Für ein professionelles Endprodukt sind sie unerlässlich. Am Ende entscheiden Autorin oder Autor, was sie sich vom Lektorat annehmen, und wo sie sich vielleicht einen anderen Weg wählen. Dann ist es aber eine bewusste Entscheidung.

Beim nächsten Buch wird alles anders, oder nicht?

Geschafft! Der schönste Tag im Leben ist der, an dem Du das erste eigene Buch in der Hand hältst. Oder zumindest der zweit- oder drittschönste. Was Du halt sonst noch so im Leben vorhast.

Und das nächste Buch? Da wird sicher alles anders, oder? Wahrscheinlich nicht alles. Ein bisschen Verlorenheit, Orientierungslosigkeit, Heulen und Zähneklappern gehören immer dazu. Und natürlich auch Disziplin, aber eben nicht allein. Am Ende liegt die Lernkurve darin, den kreativen Prozess bewusster zu gestalten. Viele Serienautoren machen das mehr oder weniger bewusst oder auch intuitiv. So steigern sie im Laufe der Zeit ihren Output immer mehr.

Also, hab Mut zur Langeweile und sortiere zwischendurch einfach mal Deine Socken. Prokrastination ist Arbeit. Der 6. September ist ein guter Tag, um mit dem professionellen Prokrastinieren zu beginnen – anstatt nur hart diszipliniert gegen die Prokrastination anzukämpfen. Denn der kreative Prozess folgt festen Gesetzmäßigkeiten. Es gibt keine Abkürzung.

Viel Erfolg beim Prokrastinieren!

Über Daniel Fitzke

Daniel Fitzke verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als Kommunikationsberater, Pressesprecher, Redenschreiber und Fachjournalist. Dabei ist er sowohl im B2B– als auch im B2C-Bereich zuhause. Sein Spezialgebiet ist die Strategieentwicklung. Er ist selbst Sachbuchautor und begleitet andere Autorinnen und Autoren auf dem Weg zum eigenen Buch. Als Dozent und Trainer gibt er sein Wissen in Präsenzveranstaltungen und Online-Formaten weiter. Außerdem entwickelt er maßgeschneiderte Inhouse-Seminare für Unternehmen. Mehr zum Autor: Daniel Fitzke

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